In der Geschichte der Technik gibt es Objekte, die ihre finale Form so früh gefunden haben, dass jede weitere Veränderung nur eine Spezialisierung darstellt. Der Mörser ist ein solches Objekt, eine technische Invariante.
Dennoch unternahm der Berliner Designer Arman Emami 2009 einen Transfer: Er wollte das Wissen der Fertigungstechnik in ein Küchenwerkzeug übersetzen.
Das Ergebnis war „Milli“: Designed in 2009, ausgezeichnet 2013 mit dem Red Dot Design Award, 2015 mit dem iF Design Award. Hergestellt von der Silver Ball GmbH, entworfen von Arman Emami, Berlin.
118 Grad
Das zugehörige Gebrauchsmuster DE 202011106042 U1 von 2011 beschreibt eine Vorrichtung, die auf den ersten Blick wie ein ganz normaler Mörser aussieht. Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Funktion des Stößels wurde komplett neu gedacht.
Emami drehte das Prinzip des Mörserns um: Die Schale ist nur noch das passive Widerlager – der Stößel wird zum aktiven Zerspanungswerkzeug. Der schirmartig geformte Keramikkopf ist besetzt mit konkaven Vertiefungen, die den Dimples eines Golfballs ähneln und deren Kanten scharf geschliffen sind. Die Verteilung der Schneidkanten folgt den geometrischen Regeln eines Ikosaeders – gleichmäßig, präzise, lückenlos.
Der entscheidende Parameter findet sich nur im Gebrauchsmuster selbst, nicht in einem einzigen Marketingtext: Der Schneidwinkel dieser Kanten beträgt 118° – exakt der Spitzenwinkel eines Standard-Metallbohrers und der Goldstandard der Zerspanung. Emami wollte nicht mehr nur zerstoßen und zerreiben, er wollte zerspanen. Er transferierte das Wissen aus den Laboren der Fertigungstechnik in ein Küchenwerkzeug.
Das Material
Keramik ist eines der ältesten Werkstoffe der Menschheit – und gleichzeitig eines der modernsten. Im japanischen Suribachi ist sie das traditionelle Material für Reibflächen, unglasiert, rau, bewährt. In der Materialwissenschaft ist Hochleistungskeramik ein eigenes Forschungsfeld: Aluminiumoxid, Siliziumcarbid, Zirkonoxid – Werkstoffe mit extremer Härte, chemischer Beständigkeit und präzise definierbaren Oberflächen.
Emami nutzt diesen Werkstoff bewusst dosiert. Keramik kommt bei MILLI nur dort zum Einsatz wo sie ihre Stärken hat: am Kopf des Stößels und im Kernbereich der Schale. Der Rest besteht aus Silikon. Keramik ist zerbrechlich und stoßempfindlich. Granit und Marmor schlucken solche Stöße und überleben Jahrzehnte auf Küchenarbeitsflächen. Keramik nicht. Die Stoßempfindlichkeit ist der Preis für ihre Härte.
Ein Industrieprodukt in der Küche
Was MILLI technisch anstrebt ist ehrgeizig: die Reibwirkung des Suribachi, vereint mit der Standfestigkeit eines Granitmörsers, geeignet für jedes Mahlgut – feucht, trocken, hart, weich, zäh. Kein Festsetzen in den Poren. Reproduzierbare Ergebnisse. Das ist die Anforderung eines Labors oder einer Großküche. Im Haushalt stellt sie niemand.
Zur falschen Zeit?
Warum verschwand ein Design-Objekt, das mit dem Red Dot und dem iF Design Award ausgezeichnet wurde, nach wenigen Jahren aus dem Markt? Dass das zugehörige Schutzrecht 2018 erlosch und der Hersteller nicht mehr existiert, ist kein Zufall.
MILLI war kein gescheitertes Produkt im klassischen Sinne – es war ein Concept Car für die Küche. Es scheiterte am ökonomischen Paradoxon der Perfektion: Um die 118°-Winkel in Keramik exakt scharfkantig und serienreif zu fertigen, wäre ein immenser technologischer Aufwand nötig gewesen. Und ohne diese exakten Schneidkanten wäre das Werkzeug zu einem gewöhnlichen Mörser geworden – ohne den haptischen Charme von Stein oder Marmor.
Der Widerstand des Rituals
Doch der eigentliche Grund liegt tiefer.
Emami dachte wie ein Ingenieur, während die Menschen wie Schamanen handeln. Wir suchen das Archaische, die schwere Masse, den Widerstand des Materials. Im 21. Jahrhundert ist Kochen zum Ritual geworden. Die meditative Langsamkeit und Arbeit des Mörserns ist kein Defizit, das durch einen 118°-Winkel behoben werden muss – sie ist der eigentliche Zweck der Handlung.
Milli war die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hatte. Das Projekt bleibt als intellektuelles Denkmal in Erinnerung: Wer heute noch ein Exemplar besitzt, hält ein Stück angewandte Fertigungstechnik in den Händen. Und einen Beweis dafür, dass technische Perfektion und rituelle Praxis zwei verschiedene Dinge sind.
→ Siehe auch: Schamanen und Ingenieure
