Das Smithsonian Museum in Washington hütet ein berühmtes Exponat der modernen Logistik: ein Päckchen Wrigley’s Juicy Fruit Kaugummi – das erste kommerziell gescannte Barcode-Produkt der Welt, 26. Juni 1974, Marsh Supermarket, Troy, Ohio. Das andere Objekt, das den Weg in die Kassenräume überhaupt erst freimachte, sucht man in den Vitrinen vergeblich. Es stand in einem Labor von IBM. Und es flog durch die Luft.
Softball, Aschenbecher und ein Laserscanner
Wir schreiben das Jahr 1972: George J. Laurer, Ingenieur bei IBM, hatte ein Problem. Er hatte einen rechteckigen Universal Product Code entwickelt – den späteren UPC – und musste diesen nun gegen den Bull’s Eye durchsetzen, den kreisförmigen Code, den RCA aus dem ursprünglichen Woodland-Silver-Patent entwickelt hatte und der intern als Favorit galt. Die Skepsis innerhalb von IBM war erheblich.
Eine Demonstration vor Bob Overton Evans, Senior Vice President von IBM, wurde angesetzt. Laurer wusste, dass eine klassische Präsentation mit praktischer Vorführung – das Etikett behutsam über das Leseglas des neuen Scanners führen – die Kritiker nicht so einfach überzeugen würde. Er brauchte Geschwindigkeit, maximalen Eindruck und Erfolg.
Das Team rekrutierte den besten Softball-Pitcher der werkseigenen Firmenmannschaft. Ausgerüstet wurde er mit einer Kiste Beanbag-Aschenbecher, auf deren flachen Unterseiten die neuen linearen Barcodes klebten. Laurer erinnerte sich später im Smithsonian Magazine:
„There were many skeptics in IBM, not the least of whom was B.O. Evans himself. However at the end of a flawless demonstration for Mr. Evans, we had our ace softball pitcher pitch beanbag ash trays, with symbols on the bottom, as fast as he could over the scanner. When each one read correctly, Mr. Evans was convinced.“
Ein Profi-Werfer schleudert im IBM-Labor schwere Aschenbecher in hohem Tempo über einen Scanner-Prototyp. Jeder der Barcodes wird fehlerfrei erfasst. Evans gibt das Budget frei. Im März 1973 wählt das Branchen-Komitee das IBM-Symbol als Standard – der erste kommerzielle Scan mit Publikum folgt am 26. Juni 1974. Die Welt hat einen Barcode.
Warum ausgerechnet dieser Aschenbecher? Weil er als Wurfgeschoss mechanisch nahezu perfekt ist: schwer, mit absolut ebener Unterseite, kippsicher im Flug, unverdrehbar. Es war das perfekte Alltagsobjekt, das man mit enormer Geschwindigkeit und der Code-Seite nach unten flach über ein Leseglas jagen konnte, ohne dass es in der Luft ins Trudeln geriet.
Laurer hätte auch Dosen nehmen können. Aber Dosen rollen.
Was ist eigentlich ein Bean Bag?
Der Begriff taucht im Englischen erstmals um 1870 auf – als Kinderspielzeug, Wurfsäckchen, und Jonglierball. Um 1900 war er so fest im Alltag verankert, dass der Humorist Finley Peter Dunne ihn sprichwörtlich verwendete: „Politics ain’t beanbag!“ – Politik ist kein harmloses Kinderspiel.
Vor dem heute bekannten Sitzsack im Wohnzimmer war der Bean Bag schlicht ein funktionales Werkzeug: eine flexible Hülle, gefüllt mit getrockneten Bohnen, Sand oder Metallkugeln. Als Markierungssack im Stadion, als stabile Auflage für Präzisionsgewehre, als Beschwerung für Fotostative im Wind. Die Form folgte dem Nutzen. Immer.
Ende der 1960er Jahre wanderte der Begriff durch den SACCO-Sessel der italienischen Designer Gatti, Paolini und Teodoro in die Möbelwelt – und wurde dort als Sitzsack weltbekannt. Dass er vorher schon Jahrzehnte lang als Aschenbecher-Sockel existierte, weiß zumindest in Europa heute kaum jemand mehr.
Die Erfindung von McDonald Products
In den 1950er Jahren brachte die amerikanische McDonald Products Corporation aus Buffalo, New York, den Bean Bag Ashtray auf den Markt. Das Produkt wurde so populär, dass Merriam-Webster die Definition des Wortes „beanbag“ offiziell erweiterte: „any of various pellet-filled bags used as furniture (such as a chair) or household articles (such as an ashtray base).“ Der Sandsack-Aschenbecher wurde zur kanonischen Bedeutung eines ganzen Begriffs.
Die physikalische Logik dahinter ist simpel. Die schwere Füllung sammelt die Masse ganz unten am Boden – das Stehaufmännchen-Prinzip. Der weiche Sack passt sich jeder unebenen Fläche an, die Schale bleibt dennoch waagerecht. Zeitgenössische Anzeigen versprachen folgerichtig: „The original non-tip ashtray.“ Auf dem Armaturenbrett, auf der Sesselkante, an Deck der privaten Yacht – der Aschenbecher stand fest, wo man ihn hinstellte.
Edward McDonald, Metallhandwerker, hatte 1930 in Buffalo die McDonald Products Corporation gegründet. Unter dem Markennamen Duk-It – mit einer Ente als Firmensymbol, die bis heute geführt wird – fertigte der Betrieb Büro- und Raucheraccessoires aus Metall. Der Bean Bag Ashtray wurde laut Firmenhistorie und Buffaloer Architekturarchiven zum größten Bestseller des Hauses: in den Hochzeiten über eine Million Stück pro Jahr verkauft, produziert im historischen Larkin-Gebäude in Buffalo. Frühe Originale aus den 1950er Jahren sind heute im International Museum of Dinnerware Design dokumentiert – als „the original non-tip ashtray“, in Originalverpackung.
Der Wandel der Designsprache
In den 1930er bis 1950er Jahren war der Beanbag-Aschenbecher ein gediegener Gebrauchsgegenstand. Schwere Metallarbeit, gedeckte Stoffsäcke, schlichte Glas- oder Kupferschalen. Verkauft über Geschenkartikelläden, gekauft für Sessel und Couch.
In den 1960er und 1970er Jahren änderte sich der Ton. Parallel zur neuen Sitzsack-Welle aus Italien wurde das Textil durch Naugahyde und Vinyl in Pop-Farben ersetzt, Goldtöne und psychedelische Muster inklusive. Abwischbar, billig, serienmäßig. Festes Inventar der amerikanischen Mittelkonsole.
In den 1980er und 1990er Jahren brach der Massenmarkt ein – sinkende Raucherquoten, ab 1994 Aschenbecher in US-Fahrzeugen nur noch optional. McDonald verlagerte die Produktion auf Büroartikel.
Heute existiert das Prinzip weiter – in einer anderen Welt. Als funktionale Marine-Linie aus Edelstahl, für den harten Außeneinsatz auf Segelbooten. Oder als Design-Ikone: die italienische Manufaktur Giobagnara interpretiert den bean bag ashtray als Luxusobjekt – eine palladierte Messingschale auf genuesischem Rindsleder, gefüllt mit einem Kilogramm präzise dosierter Metall-Mikrokugeln. Für Privatjets und Superyachten. Das Schüttgut hat sich von der Bohne zur kalibrierten Stahlkugel gewandelt. Die physikalische Logik ist dieselbe geblieben.
Und so trug an einem Nachmittag im Jahr 1972 ein mit hoher Geschwindigkeit geschleuderter Beanbag-Aschenbecher dazu bei, ein skeptisches IBM-Management von jenem Barcode zu überzeugen, der wenige Jahre später zum Rückgrat des weltweiten Massenhandels werden sollte.
Das Kaugummi steht im Smithsonian. Der Aschenbecher nicht.
