BARCODE
10 Milliarden Scans täglich: Die unsichtbare Geschichte des Strichcodes

·

·

·


„A truly successful technology becomes invisible. And then, even if you encounter it dozens of times each day, as you do with barcodes, it becomes forgotten.“

Michael S. Malone, Vorwort zu Paul V. McEnroe: The Barcode: How a Team Created One of the World’s Most Ubiquitous Technologies

Überall – und doch unsichtbar

Über zehn Milliarden Scans täglich. Weltweit. Wir sehen den Barcode auf Lebensmitteln und Kosmetika, auf Büchern, Zeitschriften und Ausweisen, auf Medikamenten, Blutproben, Briefen, Paketen, Frachtpapieren, Tickets im öffentlichen Nahverkehr und auf Bordkarten am Flughafen – und nehmen ihn doch kaum wahr.

Die Form des Barcodes ist unscheinbar: ein schmales Rechteck mit schwarzen und weißen Streifen, in wechselnden Breiten und Abständen angeordnet. Unverkennbar – und doch unauffällig genug, um kaum Aufmerksamkeit zu erregen. Wenige Bereiche unseres Lebens kommen ohne ihn aus – und jeder dieser Codes steht für eine Nummer, die weltweit nur einmal vergeben wird.

So allgegenwärtig dieses Symbol in unserem Alltag ist, so wenig bekannt ist seine Geschichte. Der Barcode ist das Paradebeispiel für eine Technologie, die so zuverlässig funktioniert, dass sie im Hintergrund verschwindet. Wir vergessen wie revolutionär sie war – und ist.

Universal – und ohne Zwang

Paradox und zugleich bemerkenswert: Praktisch alle Länder der Welt nutzen heute denselben Standard für Barcodes. GS1-Nummern werden in mehr als 150 Staaten vergeben – von Nordamerika über Europa und Asien bis hin zu politisch abgeschotteten Staaten. Selbst Nordkorea ist angeschlossen. Kaum ein anderer technischer Standard gilt so universell – und das ganz ohne internationale Konvention, ohne Gesetz, ohne staatlichen Zwang.

Die stille Umbenennung eines Weltsystems

Nur die Bezeichnungen änderten sich im Lauf der Jahrzehnte. Ausgehend von den USA wurde der Barcode 1973 als zwölfstelliger UPC eingeführt – der Universal Product Code. In Europa folgte 1977 die EAN mit dreizehn Stellen – die European Article Number. Heute spricht man technisch präziser von der GTIN, der Global Trade Item Number – eine stille Umbenennung, die den weltweiten Anspruch des Systems widerspiegelt, ohne dass sich am Strichcode selbst etwas sichtbar geändert hätte.


Troy, Ohio, 26. Juni 1974

Die Premiere dieses grafischen Musters ist ungewöhnlich genau datiert: Am 26. Juni 1974 wurde in einem Marsh-Supermarkt in Troy, Ohio erstmals ein standardisierter UPC-Barcode im regulären Einzelhandel gescannt.

Zeitzeugen berichten, dass Clyde Dawson, Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung von Marsh Supermarkets, für die Fotografen einen ganzen Einkaufswagen mit Produkten vorbereitete – und für den symbolischen ersten Scan bewusst den kleinsten Artikel wählte: eine schmale 10er-Packung Wrigley’s Juicy Fruit Kaugummi. Ein Helium-Neon-Laser las den Code, und die Kasse druckte einen Bon. Die Kassiererin, Sharon Buchanan, bleibt in dieser Erzählung fast unsichtbar: Auf den meisten historischen Fotos steht das Kassensystem im Mittelpunkt, nicht die Frau, die es bediente.

Package, Wrigley’s Juicy Fruit Chewing Gum. 1994.3123.19.

Das gescannte Päckchen Kaugummi blieb damals bei Clyde L. Dawson. Später stiftete er es der Sammlung des National Museum of American History. Das Smithonian Institution in Washington zeigt heute einen der originalen Kassenscanner – ein Spectra‑Physics Modell A – und die Wrigley’s‑Juicy‑Fruit‑Packung von 1974, die gemeinsam an diesen ersten Scan erinnern.

In den 1970er-Jahren waren Scanner wie diese eine teure Attraktion. Kunden wie Ladenbesitzer blieben skeptisch, und nur eine Handvoll Supermärkte wagte den Feldversuch. In wenigen Jahrzehnten wurde daraus eine globale Infrastruktur, ohne dass sich an der sichtbaren Grundform des Strichcodes jemals etwas Wesentliches geändert hätte.

Die zweite Idee – die blieb.

Was heute auf fast jeder Verpackung der Welt aufgedruckt ist, war nicht die erste mögliche Form eines Strichcodes. Die ursprüngliche Idee sah anders aus – umgesetzt wurde eine zweite, spätere Variante. Und sie blieb.

Diese Serie erzählt warum.

Sie beginnt bei zwei Studenten, die Ende der 1940er-Jahre mit Morsecode und Sandzeichnungen experimentierten. Sie begleitet zwanzig Jahre des technischen Wartens – auf Laser, Scanner, bezahlbare Computer und Rechenleistung. Sie erzählt von Komitees und Industrieinteressen, die einen freiwilligen weltweiten Standard durchsetzen, ohne politische Gesetzgebung. Und sie endet mit der Erzählung, wie aus einem amerikanischen Code ein europäischer EAN und schließlich eine globale GTIN wurde, warum die ISBN eine Sonderform ist und wie digitale Medien und QR-Codes eine neue Phase einleiten.

Im nächsten Teil: Norman Joseph Woodland und Bernard Silver.

Entdecke mehr von NOXXA Studio

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen