Die Trias: Form follows function, follows matter, follows action.

·

·

·


Die Trias: Ein Werkzeug zur Weltbetrachtung

Wie findet eine Form ihr finales Design? Ich habe nach einer Antwort auf diese Frage gesucht – nicht in der Theorie, sondern in der praktischen Analyse. Während der Arbeit an der Artikelserie über Mörser stieß ich auf Widersprüche, und so kristallisierte sich am Widerstand des Themas ein eigenes Gedankenmodell heraus.

Ich nenne es die Trias. Eine Denkhilfe, ein Set von Analysestrategien – kein starres Dogma, sondern ein Schichtenmodell der Erkenntnis, das sich – wie ein Werkzeug selbst – erst durch den Gebrauch schärft.

I. Form follows Function – Zweckrationalität und bewusste Absicht

Das bekannteste Theorem der Moderne. Louis Sullivan prägte den Satz 1896 in seinem Aufsatz „The Tall Office Building Artistically Considered“ – er orientierte sich an der Natur, wo jede Form eines Lebewesens funktional optimiert ist:

„It is the pervading law of all things animal and vegetable, […] that form ever follows function, and this is the law.“

Sullivan war auch der Lehrer von Frank Lloyd Wright. Die ideologische Zuspitzung lieferte der österreichische Architekt Adolf Loos 1908 mit „Ornament und Verbrechen“. Walter Gropius und das Bauhaus machten daraus ein Dogma für industrielles Design und die Moderne. Das Theorem bringt die Aufgabe des Designers auf einen Punkt: Der abstrakte Zweck bestimmt die Form. Alles soll dieser Logik untergeordnet sein. Es ist die Ebene der zielgerichteten Planung und der industriellen Logik.

Sullivans Verweis auf die Natur lebt bis heute weiter – in der Biomimicry: Die wasserabweisende Oberfläche des Lotusblatts wird in der Beschichtungstechnologie genutzt. Die Anatomie der Klauen des Alpensteinbocks zum Vorbild für Roboterfüße. In der Natur gilt Form follows Function als Evolutionsprinzip.

Theoretisch können mehrere unterschiedliche Formen eines Objekts entwickelt werden – solange sie ihren Zweck erfüllen. Doch dieses Theorem erklärt nur eine Ebene, meist die oberste, jüngste Schicht der Evolution eines Objekts. Und passt nicht auf alle.

II. Form follows Matter – Die Herausforderung der Materie und kulturelle Varianten als Antwort

Nicht alle Formen lassen sich allein auf den zweckrationalen Willen eines Designers zurückführen. Objekte entwickeln sich nicht unabhängig von Geographie, Kultur, und dem Material, das vorgefunden und verarbeitet werden kann. Rohstoffe, Nahrungsquellen, Klima, Kultur und Religion prägen nicht nur soziale Verbünde, sondern auch Objekte und deren konkrete Ausgestaltung. Materialwissenschaft, Objektwissenschaft, Technikgeschichte, Ethnologie, Volkskunde und viele andere Disziplinen wenden diesen Ansatz schon lange an.

Die Form folgt der vorhandenen Materie, dem Material, dem stofflichen Widerstand. Passt sich an und wird optimiert über Generationen und Jahrhunderte. Das Material ist kein passiver Träger der Funktion – es hat ein Veto-Recht – und zeigt Grenzen auf.

In dieser Schicht, auf dieser Ebene entstehen die kulturellen Variationen und die materielle Wahrheit eines Gegenstands. Ich habe diesen Ansatz als eigenständiges Denk-Prinzip für mich formuliert: Form follows Matter.

III. Form follows Action – Die Logik der Geometrie und der menschlichen Handlung

Die tiefste Schicht liegt in der Ur-Handlung. In Anlehnung an Peter Janichs Theorie der Handlungskonstitution erklärt sich die Form eines Werkzeugs als das Protokoll einer geglückten Bewegung. Wer einen Stößel in einer Vertiefung kreisen lässt, erzeugt zwangsläufig eine Rotationssymmetrie, die Form des Mörsers schleift sich ein. Die Bewegung wird institutionalisiert.

Hier gibt es keinen Designer – nur die Physik der Wiederholung und die Geometrie, die aus der Bewegung resultiert. Janichs Begrifflichkeiten sind manchmal sperrig und ungewohnt. Ich habe versucht diese Idee für meine Arbeit in einem einfachen Satz zusammenzufassen: Form follows Action.


Die Trias als Analyserahmen. Ein Denkwerkzeug

Diese Trias war zu Beginn meiner Recherche noch nicht sichtbar. Sie hat sich aus dem Material, aus dem Tun heraus entwickelt und funktioniert als ein Analyserahmen, der drei Kernfragen an jedes Objekt stellt:

Form follows Action: Welche menschliche Handlung liegt dieser Form zugrunde? Ist die Geometrie das natürliche Echo einer wiederholten Bewegung? Und wie wurde diese Handlung institutionalisiert?

Form follows Matter: Welche Materialien sind verfügbar? Wie haben Geographie und Kultur die Form geprägt? Warum wurde dieses Material gewählt? Wie hat sich die Form im Laufe der Geschichte optimiert? Wo liegen die Grenzen und wo legt die Materie ihr Veto ein?

Form follows Function: Was ist der Zweck dieses Objekts? Erfüllt es seinen Zweck effektiv? Gibt es alternative Formen, die denselben Zweck erfüllen könnten? Und welche bewussten gestalterischen Entscheidungen wurden getroffen?

Ein wirklich „gutes Produkt“ überzeugt auf allen drei Ebenen. Es funktioniert (Function), es respektiert seine Herkunft und Material (Matter), und seine Form ergibt sich natürlicherweise aus der Art, wie Menschen es benutzen (Action).

Mit dieser Trias als Denkprinzip lässt sich jedes Objekt analysieren – von der Sicherheitsnadel bis zum Fahrradreifen. Von der Papyrus-Rolle bis zum Aktenordner. Ich habe sie am Mörser getestet, um sie auf viele weitere Objekte zukünftig anzuwenden.

Form follows Action · Form follows Matter · Form follows Function

Entdecke mehr von NOXXA Studio

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen